Gefäßchirurgie – Abklärung, Diagnostik und Therapie
Die Gefäßchirurgie befasst sich mit Erkrankungen der Arterien und Venen – also der Blutgefäße, die Organe und Beine versorgen bzw. das Blut zum Herzen zurückführen. Typische Krankheitsbilder sind zum Beispiel Durchblutungsstörungen der Beine (pAVK), Engstellen der Halsschlagader (Carotisstenose), Aneurysmen (z. B. der Bauchschlagader) sowie Thrombosen/Embolien oder – im venösen Bereich – Krampfadern und deren Folgen. Ziel ist immer, Beschwerden zu lindern, Komplikationen zu verhindern (z. B. Schlaganfall, Gewebeverlust) und die Lebensqualität zu verbessern.
Abklärung: Was wird erhoben – und wann ist es dringend?
Am Anfang steht die strukturierte Abklärung: Welche Beschwerden bestehen, seit wann, in welchen Situationen? Bei arteriellen Problemen berichten Patientinnen und Patienten häufig über Belastungsschmerzen beim Gehen („Schaufensterkrankheit“), kalte Füße, schlecht heilende Wunden oder Schmerzen in Ruhe. Bei Carotisproblemen können vorübergehende neurologische Ausfälle (z. B. Sehstörungen, Sprachstörungen, Lähmungserscheinungen) Hinweise auf eine Durchblutungsstörung des Gehirns sein. Bei Aneurysmen gibt es oft lange keine Symptome – weshalb hier Vorsorge und Zufallsbefunde eine große Rolle spielen.
Wichtig für die Praxis: Es gibt Symptome, die sofort abgeklärt werden müssen, zum Beispiel ein plötzlich schmerzhaftes, kaltes, blasses Bein (Verdacht auf akute Durchblutungsstörung) oder plötzlich auftretende neurologische Ausfälle (Verdacht auf TIA/Schlaganfall). In solchen Fällen zählt Zeit und es sollte umgehend notfallmedizinisch gehandelt werden.
Diagnostik: Von der klinischen Untersuchung bis zur Bildgebung
Die Diagnostik beginnt immer „klassisch“: Untersuchung von Haut, Wunden und Beinen, Beurteilung der Pulse, ggf. Abhören von Strömungsgeräuschen und Einordnung von Risikofaktoren wie Rauchen, Diabetes, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen.
Ein zentraler, sehr bewährter Basis-Test bei Verdacht auf eine pAVK ist der Knöchel-Arm-Index (ABI). Er wird aus dem Blutdruck an Arm und Knöchel berechnet; Leitlinien nutzen einen ABI ≤ 0,9 als wichtigen Hinweis auf eine relevante Durchblutungsstörung der Beine. Bei Menschen mit Diabetes kann der ABI allerdings trotz pAVK normal oder erhöht sein (z. B. durch Gefäßverkalkung), weshalb ein unauffälliger ABI die Diagnose nicht sicher ausschließt.
Die wichtigste bildgebende Untersuchung in vielen Gefäßfragestellungen ist der Duplex-Ultraschall. Er zeigt Gefäßverlauf, Engstellen, Blutflussrichtung und -geschwindigkeit und ist in Leitlinien/Reviews als zentrale, meist erstlinige Methode zur Beurteilung von Gefäßläsionen etabliert. Wenn für Therapieplanung mehr Detail nötig ist – etwa vor einem Eingriff – kommen je nach Situation CT-Angiographie (CTA) oder MR-Angiographie (MRA) hinzu. Die invasive Katheterangiographie wird heute häufig gezielt eingesetzt, wenn gleichzeitig eine Behandlung (z. B. Aufdehnung/Stent) geplant ist.
Therapie: individuell – konservativ, endovaskulär oder offen-operativ
In der Gefäßchirurgie gibt es selten „die eine“ Therapie. Meist ist es ein Stufenplan, der sich nach Beschwerden, Anatomie, Risiko und Behandlungsziel richtet.
Sehr häufig beginnt die Behandlung mit einer konservativen und medikamentösen Basistherapie: Optimierung von Risikofaktoren (Rauchstopp, Blutdruck, Blutzucker, Cholesterin), Bewegungstherapie bei Gehbeschwerden und – je nach Erkrankung – eine passende gerinnungs- bzw. gefäßschützende Medikation. Gerade bei pAVK ist zusätzlich wichtig, Wunden strukturiert zu versorgen und Druck-/Schuhprobleme zu adressieren, damit kleine Läsionen nicht zu chronischen Wunden werden.
Wenn die Durchblutung relevant eingeschränkt ist oder ein Gewebeverlust droht (akute oder chronische Extremitätenischämie), spielt die Wiederherstellung des Blutflusses (Revaskularisation) eine zentrale Rolle. Moderne Leitlinien betonen, dass Revaskularisation – endovaskulär, chirurgisch oder hybrid – eingesetzt werden soll, um einen Extremitätenverlust zu verhindern; bei therapieresistenter Claudicatio kann sie auch Lebensqualität und Gehfähigkeit verbessern. Endovaskulär bedeutet typischerweise Ballonaufdehnung (PTA), ggf. mit Stentimplantationen oder Artherektomie-Techniken; chirurgisch kommen je nach Befund Thrombendarteriektomie (Ausschälen von Plaque), Bypass-Operationen oder kombinierte Hybridverfahren infrage.
Bei Carotisstenose (Halsschlagader) ist das Ziel die Schlaganfallprävention. In vielen Situationen gilt die Carotis-Endarteriektomie (CEA) als Standardverfahren; sowohl europäische als auch US-Leitlinien beschreiben CEA als wichtige bzw. häufig erstlinige Option bei geeigneten Patient:innen (abhängig u. a. von Symptomstatus, Stenosegrad und OP-Risiko), während Carotis-Stenting selektiv bei passenden Konstellationen eingesetzt wird.
Bei Aneurysmen (z. B. Bauchschlagader) reicht das Spektrum von Kontrollen/Surveillance und konsequenter Risikoreduktion bei kleineren Aneurysmen bis zur Aneurysmareparatur, wenn das Rupturrisiko steigt oder Beschwerden auftreten. Die aktuellen DGG bzw. ESVS-Leitlinien behandeln ausdrücklich sowohl offene als auch endovaskuläre Reparatur (EVAR) und helfen bei der Auswahl der jeweils sinnvollsten Strategie.
Ergänzend umfasst die Gefäßchirurgie häufig auch Eingriffe wie die Anlage von Dialysezugängen (Shunts), die Behandlung von Gefäßverletzungen sowie – je nach Praxis – venöse Eingriffe (z. B. bei Krampfadern oder postthrombotischen Beschwerden). In allen Bereichen gilt: Entscheidend ist die passende Indikation und die Wahl des Verfahrens, das für Anatomie und Gesamtrisiko am besten geeignet ist.
