Lymphologie – Abklärung, Diagnostik und Therapie
Die Lymphologie beschäftigt sich mit Erkrankungen des Lymphgefäßsystems. Dieses System sammelt Gewebsflüssigkeit, Eiweiße und Entzündungsprodukte aus dem Gewebe und führt sie über Lymphbahnen und Lymphknoten zurück in den Blutkreislauf. Wenn Transportwege fehlen, geschädigt oder überlastet sind, kann sich Flüssigkeit und später auch Gewebeumbau im betroffenen Areal ansammeln – es entsteht ein Lymphödem. Man unterscheidet primäre Lymphödeme (angeborene Fehlanlage/Schwäche) und sekundäre Lymphödeme (z. B. nach Operationen, Bestrahlung, Tumortherapie, Infektionen oder Verletzungen). Internationale Konsensuspapiere betonen, dass frühzeitige Erkennung wichtig ist, weil ein unbehandeltes Lymphödem im Verlauf von einem „weichen“ Ödem zu einem festeren, fibrotischen Gewebe mit höherem Entzündungs- und Infektionsrisiko übergehen kann.
Abklärung: Was wir klären, bevor wir behandeln
Am Anfang steht eine sorgfältige Anamnese: Seit wann besteht die Schwellung, ist sie ein- oder beidseitig, nimmt sie im Tagesverlauf zu, lässt sie sich durch Hochlagern beeinflussen, gibt es Spannungsgefühl, Druckschmerz, wiederkehrende Entzündungen (Erysipel/Cellulitis) oder Wundheilungsstörungen? Entscheidend sind außerdem Auslöser und Risikofaktoren: frühere Operationen, Lymphknotenentfernungen, Bestrahlung, Tumorerkrankungen, wiederholte Infektionen, Verletzungen, venöse Erkrankungen oder ausgeprägte Adipositas. Die klinische Untersuchung achtet auf typische Zeichen wie Haut- und Gewebeveränderungen, Eindrückbarkeit („pitting“), Faltenbildung und – je nach Region – den sogenannten Stemmer-Test (ein Hinweiszeichen, wenn die Hautfalte an Zehen/Fingern nicht mehr abhebbar ist). Die Stadieneinteilung (von Stadium 0 bis III) wird in deutschen Empfehlungen erläutert und hilft, die Therapieintensität realistisch zu planen.
Diagnostik: Warum „Ödem“ nicht gleich „Lymphödem“ ist
Nicht jede Beinschwellung ist lymphologisch bedingt. Deshalb gehört zur Diagnostik immer auch die Differenzialdiagnose: venöse Ursachen (z. B. chronische Venenschwäche), orthopädische Faktoren, Medikamentennebenwirkungen oder internistische Ursachen (Herz, Niere, Leber) müssen – je nach Befund – mitgedacht werden. In der Praxis ist der Duplex-Ultraschall häufig ein zentraler Baustein, um venöse Mitursachen zu erkennen oder auszuschließen. Wenn die Diagnose klinisch nicht eindeutig ist oder für die Planung mehr Detail nötig wird, können apparative Verfahren ergänzen, etwa Volumen-/Umfangmessungen zur Verlaufskontrolle, Bioimpedanzmessungen (v. a. zur Früherkennung in bestimmten Situationen) oder bildgebende Verfahren wie Lymphszintigraphie bzw. moderne ICG-Lymphographie in spezialisierten Zentren. Internationale Konsensusdokumente beschreiben dieses Vorgehen als Kombination aus klinischer Beurteilung, objektivierbarer Verlaufsmessung und – bei Bedarf – gezielter Bildgebung.
Therapie des Lymphödems: Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE/CDT) als Standard
Die wissenschaftlich und leitlinienbasiert wichtigste konservative Behandlung ist die Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE) (international oft „Complete/Complex Decongestive Therapy“, CDT). Sie besteht nicht aus „einer Maßnahme“, sondern aus einem abgestimmten Gesamtkonzept. Die deutsche S2k-Leitlinie beschreibt ausdrücklich, dass die Frequenz und Intensität der KPE an Stadium und klinischen Verlauf angepasst werden sollen und dass die isolierte Anwendung einzelner Bausteine der Gesamttherapie unterlegen ist.
In der Entstauungsphase (Phase I) wird das Ödem aktiv reduziert – typischerweise durch manuelle Lymphdrainage, mehrlagige Kompressionsbandagierung, entstauende Bewegung/Physiotherapie und konsequente Hautpflege. Anschließend folgt die Erhaltungsphase (Phase II): Hier geht es darum, das Ergebnis langfristig zu stabilisieren – meist mit maßgefertigten Kompressionsversorgungen, regelmäßigen (befundabhängigen) Drainageeinheiten, Bewegung und einem guten Selbstmanagement (z. B. Hautschutz, Selbstbandage/Anziehtechnik, Warnzeichen für Infektionen). Auch internationale Konsensuspapiere führen CDT/KPE als zentrale Säule der konservativen Therapie an.
Ein sehr wichtiger Aspekt ist die Infektionsprophylaxe: Lymphödeme erhöhen das Risiko für Weichteilentzündungen, weil die Hautbarriere und lokale Immunabwehr beeinträchtigt sein können. Für Menschen mit chronischem Beinödem gibt es gute Daten, dass Kompression das Risiko wiederkehrender Infektionen senken kann – ein klinisch hoch relevantes Ziel, weil jede Entzündung das Ödem weiter verschlechtern kann. (New England Journal of Medicine)
Zusatzgebiet: Lipödem – Diagnostik, Beratung & Therapieansätze
Das Lipödem ist eine chronische, meist bei Frauen auftretende Erkrankung mit symmetrischer Fettvermehrung an Beinen (häufig auch Armen), typischerweise mit Druck-/Berührungsschmerz und Neigung zu Hämatomen. Wichtig für die Einordnung: Die aktuelle deutsche S2k-Leitlinie beschreibt, dass bei Lipödem in der Regel keine primäre lymphatische Abflussstörung nachweisbar ist; gleichzeitig sind Mischbilder (z. B. Lipödem + Adipositas, Lipödem + venöses Ödem oder ein Lipoödem + begleitendes Lymphödem) in der Praxis häufig und müssen differenziert werden. (AWMF Leitlinienregister)
Wenn ausdrücklich ohne Operation behandelt wird, stehen beim Lipödem konservative Ziele im Vordergrund: Beschwerden reduzieren, Funktion und Belastbarkeit verbessern, Schwellungsanteile (falls vorhanden) kontrollieren und den Alltag erleichtern. Die Leitlinie betont, dass Kompression das Fettgewebe nicht „wegmacht“ und eine Progressionsprophylaxe durch Kompression nicht gesichert ist – sie kann aber Symptome günstig beeinflussen, insbesondere in Kombination mit Bewegung und bei Mischödemen. (AWMF Leitlinienregister) Passend dazu berichtet die Leitlinie über eine kleine randomisierte Pilotstudie, in der Bewegung plus flachgestrickte Kompression (Klasse 2) gegenüber Bewegung allein u. a. mit geringerem Druckschmerz und geringerer Hämatomneigung einherging. (AWMF Leitlinienregister)
In der Praxis umfasst ein konservatives Lipödem-Konzept deshalb typischerweise: eine klare Diagnostik (inkl. Ausschluss relevanter venöser/lymphologischer Mitursachen), angepasste Kompression (oft flachgestrickt), ein realistisches Bewegungsprogramm (Kraft, Ausdauer, Wassertraining nach Verträglichkeit), Schmerz- und Entzündungsmanagement im Alltag, Hautpflege sowie – wenn psychisch belastend – unterstützende Begleitung. Wenn zusätzlich ein Ödemanteil vorliegt, kann auch lymphologisches Vorgehen (KPE-Anteile) sinnvoll sein – dann aber zielgerichtet auf den Flüssigkeitsanteil.
